Interview mit Ainulindalë (Engwar)

Ainulindalë
Musik, die sich in irgendeiner Art und Weise mit den Büchern von J. R. R. Tolkien beschäftigt, wird meistens recht positiv von der Zuhörerschaft aufgenommen, läuft ihr doch bedingt durch die klassische Fantasy-Thematik eine gewisse magische, nicht von dieser Welt stammende Erwartungserfüllung voraus. Man denke bloß an die epischen Black Metaller von Summoning, die eine lange Zeit als eine einsame Ausnahmeerscheinung dastanden und zu einer absoluten Kultband avancierten. Mit dem französischen Projekt Ainulindalë, das nach der von den gottgleichen Wesen Ainur gesungenen Schöpfungsmusik benannt ist, fand eine andere, im Neofolk angesiedelte Interpretation der Musik aus Mittelerde den Weg in meinen Player. Eine Musik, die mich augenblicklich emotional berührte und gleichermaßen erfreute. Von daher freue ich mich sehr, Engwar alias Thomas Reybard zu einem kurzen Zwiegespräch begrüßen zu dürfen.

Thomas, ich will nicht erst lange um den heißen Brei herum reden, sondern sofort mit der Tür bei Dir ins Haus fallen: Mit dem Song „A Year of Silence“, meiner ersten Begegnung mit Deiner Kunst auf der Compilation „Whom the Moon a Nightsong Sings“, hast Du auf Anhieb meinen Musikgeschmack voll getroffen. Wie Du geschrieben hast, ist dieser für den Rückzug in die Stille der Natur stehende Song sehr spontan entstanden und beinhaltet wahrscheinlich deswegen diese nur schwer in Worte fassbare Leichtigkeit. Im Booklet gibt es keine abgedruckten Texte dazu und so eine Zeile wie „We’re enslaved to the ground“ lässt einen recht großen Interpretationsspielraum zu. Kannst Du vielleicht etwas genauer erläutern, wovon dieser Song handelt?

Hallo Adam und danke für das Interview. „A Year of Silence“ ist eines der ganz wenigen Songs, für die ich zuerst die Texte (zumindest die Hauptideen) und anschließend die Musik geschrieben habe. Für gewöhnlich gehe ich dabei anders vor, erst kommt die Musik und dann schreibe ich die Lyrics.

In der Entstehungszeit von „A Year of Silence“ fühlte ich, dass ich eine Art „Rückzug“ an einen ruhigeren Ort (sowohl körperlich wie auch geistig), weit weg von der Zivilisation und all ihrem Lärm, der von ihr ausgehenden Verschmutzung, den auftretenden Misshandlungen etc. gebrauchen könnte… Ich bin sehr glücklich an einem sehr ruhigen Ort leben zu können, in den südlichen französischen Alpen. Ich lebe umgeben von Wäldern, wo nur sehr wenige Menschen in der Nähe wohnen, so dass diese Gegebenheit stets einen sehr wichtigen Teil meiner Persönlichkeit und auch meines Schreibstils ausmacht.

Aber mit „A Year of Silence“ hatte ich die Vorstellung, noch einen weiteren Schritt gehen zu können, weg von jeglicher Zivilisation… Wenn man dies getan hat, wenn man alle Verbindungen zu seiner „früheren“ Welt abschneidet, wo führt es einen hin? Ist das wirklich so gut, wie man es erwartete… Kann man sich wirklich komplett von seinem früheren Leben verabschieden… Die Hauptaussage ist „Seasons may change… We’re enslaved to the ground“, welche als eine pessimistische Schlussfolgerung zu dem eben Gesagten betrachtet werden kann… Es ist egal was man tut, es ist egal wohin man geht, man gehört immer irgendwo hin. Niemand kann sein Leben neu beginnen. Und aus einem optimistischen Blickwinkel betrachtet kann es bedeuten, dass man stets seinen Wurzeln, seiner Herkunft, seinem Boden treu bleiben kann, ganz egal wohin das Leben einen verschlägt…

Ich hätte die Hauptaussage als eine Rückkehr zu Mutter Erde gedeutet, als den unvermeidlichen Tod, der uns alle irgendwann mit seinen Armen umfängt. Aber gut, dass dies geklärt ist, denn von nun an werde ich den Song etwas anders wahrnehmen als bisher. „A Year of Silence“ dürfte somit der einzige Song von Dir ohne einen Bezug zu den Büchern von Tolkien sein, oder? Hat er es auch deshalb nicht auf „Nevrast“ geschafft? Im Gegensatz zu einigen anderen Beiträgen auf „Whom the Moon a Nightsong Sings“, wie dem von Empyrium zum Beispiel, ist er nach wie vor ein exklusiver Song der Prophecy-Compilation geblieben.

Ja, es ist ein exklusiver Song für diese Compilation. Als Stefan von Prophecy mich tatsächlich fragte, ob ich nicht einen exklusiven Track zu dieser Zusammenstellung beisteuern wollte, sagte ich ihm, dass ich mich sehr darüber freuen würde, aber auch, dass ich keinen exklusiven Track übrig hätte! „Nevrast“ wurde zu diesem Zeitpunkt schon abgemischt und aus dieser Aufnahmeperiode ist einfach nichts übrig geblieben. Also nahm ich mir ein paar Wochen Bedenkzeit und beschloss einen neuen Song zu schreiben, und dieses Mal musste er nicht zwingend etwas mit Tolkiens Welt zu tun haben. „A Year of Silence“ kann man natürlich ebenfalls mit den bei Tolkien vorhandenen Themen des Exils oder der Natur verbinden, denn seine unermesslichen Schriften lassen dies selbstverständlich auch zu. Doch „A Year of Silence“ ist definitiv ein eigenständiges Lied.

Dieser Song schaffte es auch deshalb nicht auf „Nevrast“, weil es ein Konzeptalbum ist, bei dem alle Songs in einer bestimmten Ordnung zueinander stehen und eine spezifische Geschichte erzählen. Die einzige denkbare Lösung wäre gewesen, „A Year of Silence“ als ein Bonus-Track ans Ende des Albums zu stellen, aber ich wollte „Nevrast“ unbedingt mit dem letzten instrumentalen Stück ausklingen lassen. Deshalb habe ich mich dagegen entschieden…

Da „Nevrast“, ebenso wie schon „The Lay of Leithian“ davor, ein Konzeptalbum ist, wäre es schön zu erfahren, um was für eine spezifische Geschichte es sich hierbei handelt. Selbst aus den Lyrics wird man diesbezüglich nicht wirklich schlau, wenn man nicht gerade ein belesener Tolkien-Experte ist und die ganzen signifikanten Fantasy-Namen in dem komplexen historischen Gesamtgefüge, aus dem die Welt von Tolkien nun mal besteht, gänzlich überblicken kann. Kannst Du vielleicht kurz etwas dazu sagen?

Ich bin mir dessen bewusst, dass die Texte und das auf was sie sich beziehen nicht wirklich auf den ersten Blick ersichtlich sind, aber ich denke, dass dies gar nicht so wichtig ist. Ich habe viel Zeit für die Lyrics aufgewendet und bin stolz auf sie, wohl wissend, dass die meisten Menschen zwar die Musik und den Gesang hören, aber nicht wissen was die Texte bedeuten. Mir ergeht es schließlich genauso mit Musik anderer Künstler! Aber um Deine Frage zu beantworten, „Nevrast“ ist ein Konzeptalbum, das auf der gleichnamigen Region in der Welt von Tolkien basiert. Es ist eine nördliche Küstenregion, wo viele interessante Vorfälle stattgefunden haben, so dass ich mir die Idee von einem Reisenden ausdachte, der die Küsten von Nevrast bereist und sich die vielen Geschichten über die sich dort zugetragenen Ereignisse anhört. Aus diesem Grund handelt jeder Song von etwas anderem, alle Lieder erzählen unterschiedliche Geschichten, aber sie alle haben die Gemeinsamkeit, dass all diese Erzählungen und Abenteuer in Nevrast passierten. Einige Tolkien-Fans dürften wahrscheinlich wissen welcher Song zu welcher Stelle des Gesamtwerkes von Tolkien passt, aber so einfach ist es dann doch nicht, denn in Bezug auf die Originalschriften habe ich mir bewusst eine gewisse Freiheit gelassen. Mit den Büchern von Tolkien wollte ich mich nur inspirieren lassen, um anschließend meine eigene Phantasie durch Nevrast wandern zu lassen.

Nur mal rein aus Neugier gefragt: Wie oft hast Du die Tolkien-Bücher mittlerweile gelesen? Um solch ein musikalisches, von Tolkien inspiriertes Mammut-Projekt auf die Beine zu stellen, musst Du doch ein riesiger Tolkien-Fan sein, oder? Betrachtest Du Dich selbst als solchen?

Ich schätze „Der kleine Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“ drei- oder viermal (zweimal in Französisch und zweimal in Englisch) gelesen zu haben. „Das Silmarillion“ habe ich vielleicht dreimal gelesen, die unvollendeten Erzählungen ebenso… Auch „Die Kinder Húrins“ habe ich gelesen und gemocht, das ist meine zweitliebste Kurzgeschichte aus „Das Silmarillion“ (Die liebste ist „The Lay of Leithian“ natürlich!). Von Zeit zu Zeit blättere ich immer noch in diesen Büchern, aber ich lese auch gerne viele andere Sachen, egal ob Fantasy oder andere Romane… Ich weiß nicht wirklich, ob ich mich selbst als einen Tolkien-Fan ansehen darf, aber die Bücher sind schon wirklich sehr wichtig für mich… Das dort Niedergeschriebene ist viel tiefgründiger und profunder als nur einfache Phantasie…

Denkst Du, dass sich ausgehend von den Tolkien-Büchern bis hin zu Deiner Musik ein gewisser Bezug zur Realität herstellen lässt, womöglich ein unbewusster? Oder ist es wahrscheinlicher, dass es gar keine Verknüpfung von Deiner Musik zu irgendeiner weltlichen Thematik gibt, abgesehen von der ganz subjektiven, die der Zuhörer dieser selbst für sein ganz individuelles Verständnis beimisst?

Nun, es ist sehr schwer diese Frage zu beantworten. Für mich existieren da natürlich Verknüpfungen zu der realen Welt und den wahren, von mir durchlebten Gefühlen. Ich fühle mich auch einigen der Themen, die Tolkien in seinen Bücher entwickelt, sehr verbunden: Die Natur und ihre Kraft, der Respekt, den wir ihr dafür zu zollen haben, die Angst vor der alles überwuchernden industriellen Zivilisation… Nun ja, was mich betrifft, so denke ich schon, dass in der Musik von Ainulindalë eine Art von Aussage vorhanden ist, und zwar die, dass so einiges, was sich in unserer modernen Welt abspielt, nicht ganz richtig läuft!

Die Musik von Ainulindalë ist aber definitiv sehr gefühlsbetont. Die Grundstimmung auf „Nevrast“ ist irgendwie von einer unbestimmten Melancholie erfüllt, gleichzeitig aber auch mit einer hoffnungsvollen Zuversicht gesponnen. Empfindest Du das auch so bzw. ist es so von Dir gewollt? Oder ist dies der speziellen Klangfarbe Deiner Stimme zu verdanken, welche derartige Gefühle gut transportieren kann?

Dem stimme ich zu. Wenn ich „Nevrast“ höre, so nehme ich auch eine Mischung aus Melancholie (überwiegend) und Optimismus wahr. Es ist nicht beabsichtigt, es ist einfach nur die Art und Weise wie die Musik in mir zur Entfaltung kommt, nehme ich an. Ich habe schon immer traurige und melancholische Musik bevorzugt, sie hat mich stets viel mehr als fröhliche Musik interessiert, aber was meine eigenen Songs betrifft, so neige ich dazu zu glauben, dass ein bisschen Hoffnung die Melancholie noch viel realer macht… Wenn alles dunkel ist, dann sieht man diese Dunkelheit ja gar nicht mehr! Und um den Geschichten, die ich in „Nevrast“ erzählen wollte, zu folgen, musste die Musik verschiedene Emotionen reflektieren…

Was meine Stimme angeht, so kann ich wirklich nicht behaupten eine besondere Klangfarbe zu haben. Es ist vielmehr so, dass ich beim Schreiben der Musik, auch wenn die dazugehörigen Texte noch nicht fertig sind, schon zu singen anfange. Von daher bin ich es gewohnt von mir selbst gesungene Lieder zu hören! Aber es würde mich sehr neugierig und auch glücklich machen, wenn sich mal ein anderer Sänger an diesen Liedern versuchen wollte! Ich selbst betrachte mich als einen Musiker, nicht als einen Sänger.

Ainulindalë-Artwork-2

Der Kontrast zwischen der weiblichen Stimme der Gastsängerin Alice Jean und Deiner ist eine starke Bereicherung für den Sound von Ainulindalë. Dasselbe gilt natürlich auch für all die vielen anderen Gastmusiker, die mit ihrer Kunst einen wichtigen Beitrag zum Gesamtklang von „Nevrast“ leisteten. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit so vielen Künstlern? Und gab es nie die Überlegung von Deiner Seite aus, Ainulindalë als eine Musikergruppe mit mehreren festen Mitgliedern zu etablieren?

Als ich mit den Demos für das Album begonnen habe, wurde mir klar, dass eine andere Stimme etwas Interessantes zu der Aufnahme hinzufügen könnte. Meine Stimme ist ein wenig eintönig und Alice hat in etwa denselben Stimmumfang wie ich, nur dass sie eine Oktave höher liegt, was die Sache wiederum sehr einfach macht, wenn es um die Harmonisierung der Gesangsparts geht. Und sie ist eine sehr starke Sängerin, ihr Spektrum an Tonhöhen ist groß… Deshalb ist es sicher, dass sie auch auf dem nächsten Album zu hören sein wird, sofern es ein weiteres geben sollte.

Was die anderen Musiker betrifft, so habe ich niemals daran gedacht, den Status von Ainulindalë zu einer Band mit mehreren festen Mitgliedern zu ändern. Es ist mein eigenes persönliches Projekt, ich beschäftige mich damit. Aber ich bin völlig offen für externe Vorschläge im Hinblick auf die Arrangements, Melodien etc… Für gewöhnlich schreibe ich alle Anteile nieder, dann halte ich Ausschau nach den geeigneten Musikern (ob es ein Horn, eine Flöte oder eine Violine wird, das entscheide ich beim Schreiben der Songs) und nehme ihre Parts auf. Aber manchmal haben sie selbst gute Ideen, was auch sehr gut ist. Auf dem Song „The Parting“ zum Beispiel, schrieben Carolina (Violine) und ich die Endung der Violinstimme zusammen. Ich gab ihr ein paar Zeilen, sie hat sie dann improvisiert und anschließend gestalteten wir dieses lange Solo zusammen aus.

Haben dich evtl. andere Bands wie z. B. Summoning in der Entscheidung, Dein musikalisches Wirken fast gänzlich der Fantasy-Welt von Tolkien zu widmen, beeinflusst? Musikalisch hast doch Du auch Black-Metal-Wurzeln, oder? Hörst Du noch Black Metal bzw. andere extreme Ausrichtungen des Metals, oder hast Du Dich von dieser Art von Musik komplett losgelöst?

Ja, ich mag Summoning, es ist zwar nicht meine bevorzugte Black-Metal-Band, aber sie hat ihren ganz eigenen Klang. Sie ist aber nicht der Grund, warum ich Ainulindalë ins Leben rief. Ainulindalë wurde aus meiner Leidenschaft für Gitarre und akustische Instrumente im Allgemeinen geboren. Etwa als Zehnjähriger habe ich angefangen Gitarre zu spielen und wenige Jahre später begann ich die ersten kleinen Melodien, Themen etc. zu komponieren. Und zufällig fing ich zur selben Zeit auch an „Der Herr der Ringe“ zu lesen. So wurde es für mich ganz offensichtlich, dass die von mir geschriebene Musik und das Buch von Tolkien eigentlich ganz gut zusammen passen würden!

Um zu Black Metal zurückzukehren, meine Lieblingsbands aus diesem Bereich sind Emperor („In the Nightside Eclipse“ und „Anthems to the Welkin at Dusk“), Satyricon (bis einschließlich „Rebel Extravaganza“), Ulver (Ich mag immer noch das, was sie jetzt machen. Eine großartige Band!), ich mag auch Cradle of Filth (von ihren Anfängen bis hin zu „Cruelty and the Beast“) aber mein Musikgeschmack hat sich weiterentwickelt, weg von Black Metal. Ich höre mir noch immer gerne die Black-Metal-Klassiker an, aber neuen Bands schenke ich keine Beachtung mehr. In Bezug auf Metal bin ich mehr mit Sachen von Neurosis, Converge oder Cult of Luna sowie den klassischen Maiden, Paradise Lost und Katatonia vertraut… Aber ich höre auch viel Prog-Musik (Pink Floyd, Steven Wilson), klassische Musik (ich habe das Cello mehrere Jahre lang studiert) und mehr Rock- sowie Pop-Zeug (Queens of the Stone Age, Radiohead etc..).

In einer oder sogar zwei Black Metal-Bands hast Du aber auch mal gespielt?

Ich spielte in einer stark im Underground verwurzelten französischen Black-Metal-Band namens Sombre Insight, aber später haben der Schlagzeuger und ich uns entschlossen Vehementer Nos zu gründen. Mit Vehementer Nos unterzeichneten wir bei Osmose Productions und gingen somit unseren eigenen kleinen Weg in der französischen Black-Metal-Szene. Ich bin stolz darauf, was wir mit Vehementer Nos erreicht haben, aber mein Musikgeschmack hat sich verändert, so dass ich mir nicht sicher bin, ob ich noch eine weitere extreme Black-Metal-Platte aufnehmen könnte…

Es bleibt aber zu hoffen, dass es zumindest von Ainulindalë noch weitere Veröffentlichungen in der Zukunft geben wird. Ainulindalë ist schließlich ein sehr einzigartiges Projekt, und es wäre sehr schade, wenn es sich im Sande verlaufen würde… Du hast mir noch vor diesem Interview anvertraut, dass Dich die Arbeit an der Eigenveröffentlichung von „Nevrast“ unheimlich viel Zeit und Kraft gekostet hat und Du Dich deswegen sehr ausgelaugt fühlst, wodurch ein weiteres Ainulindalë-Album eher unwahrscheinlich ist, weil Du Dir nun verständlicherweise mehr Zeit für die wirklich wichtigeren Dinge des Lebens nehmen möchtest. Ist die Hoffnung auf eine weiteres Album wirklich so gering bzw. gar nicht vorhanden?

Aber natürlich gibt es noch Hoffnung! Ich neige dazu in Zyklen zu arbeiten, und vielleicht werde ich in ein paar Monaten oder einem Jahr die Notwendigkeit verspüren ein weiteres Album veröffentlichen zu müssen. Doch wie Du schon sagtest, bei Ainulindalë mache ich alles alleine! Es dauert Monate ein Album zu schreiben, Monate um es aufzunehmen und zu mixen, Monate um es zu promoten. Und am Ende kostet es eine Unmenge an Zeit und bringt kein bisschen Geld ein! Um Dir die Wahrheit zu sagen, mit der Veröffentlichung von „Nevrast“ habe ich sogar einige Pennies verloren. Natürlich mache ich nicht Musik des Geldes wegen, aber wenn alles zum Vergnügen sein soll, dann besteht meine gegenwärtige Freude einfach nur darin, die Musik im Hier und Jetzt zu spielen, mit meinen Freunden oder alleine. Und das ist alles. Keine Aufnahmen, kein Abmischen, nichts dergleichen…

Das Geschäft ist zu hart für so kleine Projekte wie Ainulindalë, und ich möchte nicht mehr ein Teil davon sein. Ich bevorzuge es, meine Zeit mit meiner Familie, meinen Freunde etc. zu verbringen… Und die anderen Aspekte des Lebens zu genießen.

Ich weiß, es liegt mir im Blut Musik zu schreiben, und um die Wahrheit zu sagen, habe ich schon ein paar Melodien und Ideen für das nächste Album aufgenommen, aber ich kann Dir nicht sagen, ob es in einigen Jahren oder vielleicht doch niemals veröffentlicht wird!

Die Zukunft von Ainulindalë ist also sehr ungewiss… Könnte nicht eine eventuelle Zusammenarbeit mit einem Label von großem Vorteil für Dich sein? Ich stelle Dir trotzdem diese Frage, auch wenn ich bereits weiß, dass Du dies eigentlich ablehnst, weil Dir die Abgabe der Rechte an deiner Musik, an deinem eigenen Lebenswerk nicht ganz geheuer ist. Aber mit einem Label als Rückhalt könntest Du Dich primär nur noch aufs Komponieren von neuer Musik konzentrieren und sie letztendlich auch viel mehr Menschen zugänglich machen, was doch eigentlich der allergrößte Wunsch eines jeden Musikers sein müsste, oder?

Ich bin komplett offen für eine erneute Arbeit mit einem Label, es ist nur eine Frage des Vertrags! In den Tagen, als Thor von Trollmusic das erste Album „The Lay of Leithian“ wiederveröffentlichte, einigten wir uns auf sehr zufriedenstellende Konditionen. Ich kann mich nicht an die genauen Fakten erinnern, aber er sorgte dafür, dass nichts zu verlieren war, indem er sein eigenes Geld auf dem Tisch legte und wir uns anschließend den Rest teilten. Und ich übergab ihm die Rechte nur für eine begrenzte Zeit, und das macht für mich den Kern des Problems aus! Nun ja, die Unterstützung eines Labels wäre großartig, aber nicht um jeden Preis!

Wurde die Musik von Ainulindalë jemals live aufgeführt? Das erst letztes Jahr zum ersten mal stattgefundene Prophecy Festival in der Balver Höhle in Deutschland gäbe z. B. die perfekte Bühne für Deine Musik ab. Wäre ein Auftritt auf so einem Festival vielleicht eine mögliche Option für Dich?

Nein, ich habe Ainulindalë nie live aufgeführt, vor allem weil das Setup viel zu kompliziert ist. Ich bräuchte mindestens 8 oder 10 Musiker, was ein Vermögen kosten würde. Und ich bin nicht an einer unangemessenen Aufführung interessiert, nur mit mir und ein paar wenigen anderen Musikern. Ich erinnere mich, dass wir, als das Album mit Carolina (Violine) aufgenommen wurde, den Versuch wagten, eine Gitarre-Stimme-Violine-Version von „The Parting“ einzuspielen, aber es hat nicht funktioniert! Der Song wurde dabei all seiner Magie und Schönheit beraubt. Sollte ich eines Tages die Unterstützung und das dafür benötigte Budget bekommen, werde ich diese Frage vielleicht nochmals überdenken (so ähnlich wie es mit Empyrium ablief, schätze ich), aber momentan bleibt Ainulindalë nur im Studio.

Zum Schluss noch eine etwas andere Frage: Es wäre interessant zu wissen, was jemand wie Du, der sich sehr intensiv mit den Büchern von Tolkien auseinandergesetzt hat, von den Verfilmungen von Peter Jackson hält? Sind die Kinofilme als ein gleichwertiger Zusatz zu den Büchern anzusehen, oder wird der Zauber, der den Büchern innewohnt, durch diese etwa geschwächt? Was ist Deine Meinung dazu?

Als ich den Film „Die Gefährten“ zum ersten Mal sah, war ich sehr enttäuscht. Er hatte nicht die Magie, die ich dort zu finden hoffte, er war viel zu kinderfreundlich und es fehlten einige Szenen, andere wurden wiederum geändert… Nun, ich hasste den Film wirklich. Aber später schaute ich mir die erweiterte Fassung und das Making-of an, und ich begann den Film aus einem etwas anderen Blickwinkel zu betrachten. Ich akzeptierte, dass die Filme nur eine Interpretation von „Der Herr der Ringe“ durch den Regisseur Peter Jackson sind. Somit wurden sie von mir anders kategorisiert, als eine Art Ergänzung zu den Büchern, die sich nicht um eine absolut getreue Wiedergabe der Bücher bemüht. Von da an habe ich die Filme mehr genossen. Zwar gibt es da immer noch viele Dinge, die ich nicht mag (Gimlis Charakterzüge sind komplett nicht vorhanden, Legolas ist nervig, und so weiter…), doch alles in allem sind sie nicht so schlecht. Ebenso habe ich mir die Hobbit-Filme angesehen, und sie sind nicht so gut wie „Der Herr der Ringe“, vor allem, weil wir alle bereits wissen, was nach dieser Geschichte im „Der Herr der Ringe“ passieren wird. Aus diesem Grund ist der ganze Sauron-Part vollkommen uninteressant! Und der Rest ist viel zu lang, man hätte lieber zwei Filme draus machen sollen, was für so ein kleines Buch ausreichend gewesen wäre. Ein großartiges Buch übrigens, schön und einfach zu lesen, aber dennoch mit mehr Tiefe zum Ende hin…

Thomas, ich danke Dir vielmals für deine Zeit, die ausführlichen und interessanten Antworten und vor allem für Deine Musik! Das letzte Wort gebührt natürlich Dir.

Vielen Dank, es ist immer ein Vergnügen über Musik und Tolkien zu reden. Ein großes Dankeschön an alle, die Ainulindalë über die Jahre hinweg unterstützt haben!

(auch veröffentlicht im Hammerheart Fanzine #10, Mai 2016 / Bilder: © Ainulindalë)