Das aus dem Immortal-Split hervorgegangene Abbath-Debüt wurde wirklich überall sehr kontrovers diskutiert. Wahrscheinlich deshalb, weil es rein musikalisch relativ nah an den letzten beiden Immortal-Scheiben angesiedelt ist. Im Umkehrschluss könnte man deswegen auch behaupten, dass diese beiden Immortal-Alben ganz und gar nach Abbath klingen, was wiederum den Split zwischen den ehemaligen Weggefährten plausibel erklären würde, denn der unsterbliche Frost will eine Band und kein Solo-Projekt sein. Der „gecoverte“, sich auf der „Abbath“ befindende alte Immortal-Song „Nebular Ravens Winter“ macht dies meiner Meinung nach ganz deutlich, lässt er doch die einstigen Immortal-Vibes komplett missen. Der Umstand, dass er befremdlich ähnlich nach dem neuen Material von Abbath klingt, beraubt ihn seiner ursprünglichen Atmosphäre und macht diesen Bonus-Track völlig überflüssig (dasselbe gilt auch für den zweiten Cover-Song von Judas Priest).
Trotz aller Kritik und Vergleiche ist für einen schnellen Hüftschuss noch eine einigermaßen gute und technisch sauber eingespielte Musikkost bei herausgekommen, von der klaren Wiederverwertung einiger Immortal-Songs und -Stilmittel („Ocean of Wounds“ ist ein Abklatsch von „Tyrants“ und „Root of the Mountain“ hat einen nicht wegzudiskutierenden Abglanz von „Unearthly Kingdom“) mal abgesehen. Aber muss man das wirklich auf die Waagschale werfen? Unter dem Gesichtspunkt einer „grünen Welt“ ist Recycling ein wichtiges und sehr zu begrüßendes Verfahren unserer Wegwerfgesellschaft und wird nicht mehr in Frage gestellt. Warum sollte man sich in der Musikwelt deswegen ärgern? Und weshalb sollte eine individuelle Musikspielart, die vorher (bei Immortal) voll abgefeiert wurde, auf einmal schlechter bzw. nicht mehr so gut oder gar langweilig sein? Neben den genannten Immortal-Replikas führt Abbath doch schließlich auch einige wuchtige, mit garstigen Riff-Salven bespickte Songs, die teilweise für die nächste geplante Immortal-Platte geschrieben wurden, ins Feld. Der Opener „To War!“, vom Titel her schon eine klare Kampfansage, vermag sogar die Assoziation von einem unermüdlich hämmernden Rammbock heraufzubeschwören, während „Winterbane“, der längste und beste Titel des Albums, ganz unverkennbar auf Immortal zugeschnitten worden ist. So gesehen darf man hier als ein Die-Hard-Immortal-Fan, vor allem wenn man die neueren Klamotten seit „Damned in Black“ besonders gerne mag, getrost zugreifen. Auf diesem Album darf man allerdings keine großen Überraschungen erwarten. Und kleinere, wie zum Beispiel die überspitzten Keys auf „Ashes of the Damned“ könnten evtl. so manchem übel auf den Magen schlagen.
Im Großen und Ganzen ist „Abbath“ eine gute Scheibe geworden, doch beim nächsten Mal muss Olve viel mehr Eigenständigkeit und Einzigartigkeit aus seiner Klampfe herausholen, möchte er mit seiner neuen Band nicht im Black-Metal-Mittelfeld spurlos versinken. Aber erst darf man noch auf den bereits angekündigten Gegenschlag von „New Immortal“ gespannt sein. Erst dann wird man nämlich sehen können, wer von beiden sich schon frühzeitig einen Totenschein ausstellen lassen kann. Man kann nur hoffen, dass diese Split-Reise nicht in dieselbe Richtung wie bei Rhapsody of Fire und Luca Turilli’s Rhapsody verlaufen wird: Es gibt nun zwei ambitionierte Rhapsody-Bands am Start, doch keines dieser Projekte ist musikalisch so stark wie die ursprüngliche Einheit es war.
