In seinem nicht nur für Tolkien-Fans lesenswerten Buch „The Real Middle Earth – Magic and Mystery in the Dark Ages“ eröffnet der englische Psychologe Brian Bates zahlreiche Einblicke in einstige Wertschätzung und Wahrnehmungen von Natur, die grob als „heidnisch“ bezeichnet werden können. Der Autor möchte Verständnis wecken für magische Konzepte seiner Vorfahren, die aus heutiger Perspektive zunächst rückständig erscheinen mögen; nicht zuletzt, weil sich die Angelsachsen vor rund anderthalbtausend Jahren weigerten, in die von den Römern verlassenen Städte zu ziehen. Stattdessen behielten sie ihren bäuerlichen Lebensstil bei und verzichteten auf die Vorzüge der vergleichsweise fortschrittlichen Architektur und Infrastruktur. Bates begründet diesen Verzicht mit einer Lebensweise, bei welcher der Kontakt zur Mutter Erde und zu den Naturgeistern eine entscheidende Rolle spielte: „Für die Menschen von Mittelerde war die Gegenwärtigkeit von Mutter Erde die entscheidende Kraft. Das galt auch für England, denn wir wissen, dass die Angelsachsen jene Mutter Erde verehrten.“
Das neue Album „The Dark Hereafter“ von Winterfylleth wird nicht nur vielerorts kritisch diskutiert, sondern erweist sich u. a. als ein passender Black-Metal-Soundtrack zur Lektüre des Schamanismus-Experten. Ähnlich wie den Geisteswissenschaftler zieht es auch das Quartett aus dem Nordwesten Englands zurück in den Wald, hin zu „einem Ort der Magie und der Kraft, gleichsam ein großer Geist, mit dem es Freundschaft zu schließen gilt“, wie Bates schwärmt. Winterfylleth lassen zu ihrem im Kontext des Albums sanft herausragenden Stück „Green Cathedral“ keineswegs zufällig einen befreundeten Autor zu Wort kommen. So findet sich im Booklet neben dem Songtext ein Plädoyer von Benjamin Myers, menschliche Dimensionen zeitgenössischer Politik und Religion hinter sich zu lassen, und in die Landschaften jenseits der Straßen endlich wieder als Besucher einzutauchen – und nicht als Eroberer oder Zerstörer. Es scheint fast, als ob Myers gerade noch durch Bates „wahres Mittelerde“ gestromert wäre. Das Lied selbst greift wiederum ein Zitat von Alfred Wainwright (1907-1991) auf, einem leidenschaftlichen Wanderer, der es sich u. a. zur Aufgabe gemacht hatte, in 13 Jahren täglich eine Seite – handschriftlich! – für seinen in sieben Bänden angelegten „Pictorial Guide to the Lakeland Fells“ zu verfassen und zu illustrieren. Der sich zudem für den Tierschutz engagierende Autor wünschte sich, dass posthum seine Asche von einem Vertrauten an einem von ihm bestimmten Ort – „a quiet place, a lonely place“ – verstreut würde. Dieser Wunsch wird in „Green Cathedral“ feierlich vorgetragen, und genau darauf verstehen sich Winterfylleth seit ihrem Debüt „Ghost of Heritage“ wie kaum eine andere Band (nachzuhören bspw. bei „Forging the Iron of England“). Vielleicht ist es dieser heilige Ernst, der den Widersachern der Band mehr als alles andere (hinlänglich Bekannte) zu schaffen macht?
Dass es die Band ernst meint, daran sollte es längst keine Zweifel mehr geben. „Von denen klingt ein Lied wie das andere“ ist ein Vorwurf, den sich die Engländer wohl nicht ganz so häufig anhören müssen wie den Verdacht, mit der Bewahrung des englischen Erbes über die Grenzen des guten (Zeitgeist-)Geschmacks oder des „politisch Korrekten“ hinauszuschießen. Ja, kritisch betrachtet wiederholen sich Winterfylleth: Sie schlagen keine Wege ein, die in die voneinander kaum noch unterscheidbaren Konsumtempel führen, dafür geht es ein ums andere Mal hinaus ins Grüne, in die Berge, in das Hügelland… Je nach Lebensstil mag das fürchterlich langweilen.
Der Ernst kommt auch dort zum Tragen, wo die Engländer das Liedgut anderer Musiker aufgreifen, ganz gleich, ob es sich dabei um eine Jahrhunderte alte Ballade wie „John Barleycorn“ (auf der grandiosen Zusammenstellung „One and All, Together for Home“, Season of Mist 2014), oder wie nun um den Opener von Ulvers magischem Jugendwerk „Bergtatt“ handelt. Aus „I Troldskog Faren Vild“ wurde dank der Übertragung von Garm selbst „Led Astray in the Forest Dark“, und Winterfylleth geben wie immer ihr Bestes, um dem Original die Ehre zu erweisen. Die vorschnellen Lästerzungen, die verkünden, dass die Interpretation im Grunde nichts Neues bietet, lassen Rückschlüsse auf Hirnstrukturen zu, in denen so vieles vernagelt ist, dass ein Nachsinnen, worum es beim „English Heritage Black Metal“ in erster Linie gehen könnte, wohl unmöglich ist.
Wo gilt es „The Dark Hereafter“ nun einzureihen? Ist es Standortbestimmung oder Neuaufbruch? Ein wenig von beidem, gleichwohl weder noch – es ist einfach ein Winterfylleth-Album, das nicht „neu“ zu sein braucht, um Interesse zu wecken, sondern es lädt auf bewährte Weise ein, die Gedanken schweifen zu lassen, auch an klammen Tagen vor die Tür zu treten und im Nebel zu wandern, vielleicht sogar mit einem Buch in der Tasche. Und wenn es Ausdruck weltfremden Träumens eines kindlichen Gemüts sein sollte, beim Chorgesang in „Pariah’s Path“ die Zwerge im „Hobbit“ und die glorreiche WDR-Hörspieladaption aus den Achtzigern zu erinnern, dann bitteschön: So sei es.
Es kommt selten vor, dass mich ein Album animiert, gleich mehrere Autoren (neu) zu entdecken, doch „The Dark Hereafter“ lädt genau dazu ein. Allein deshalb, doch auch weil mir die Erinnerung an den beherzten Auftritt beim letzten Funkenflug in Abtenau zur Sommersonnenwende immer noch ein wohliges Schauern über den Rücken jagt, werde ich dieses vergleichsweise kurze Album bestimmt noch oft hören – und freue mich über einen musikalischen Werdegang, der die erneute Hinwendung zum Folk sicher einmal mehr mit Ernst und ganz viel Liebe zu Musik und Natur einschließt.
